Anaphylaxie

Der Begriff Anaphylaxie leitet sich von den griechischen Wörtern ana = hinauf/über und phylaxis = Schutz ab und bezeichnet eine ausgeprägte, fehlgeleitete Schutzreaktion des Körpers. Die Reaktion kann sich auf den gesamten Organismus auswirken und lebensbedrohlich verlaufen.

Bei der akuten Reaktion auf körperfremde Stoffe kommt es zu Beschwerden, die man nach Ring und Messmer in vier Schweregrade einteilt. Bei Schweregrad I zeigen sich Veränderungen an der Haut, bei Schweregrad II und III sind zusätzlich die Atemwege und/oder das Herz-Kreislaufsystem und/oder der Magen-Darmtrakt betroffen. Die schwerste Ausprägung stellt der Schweregrad IV dar, bei dem es bis zum Stillstand der Atmung und des Kreislaufs kommen kann. Ab welchem Grad man von einer Anaphylaxie spricht, darüber sind sich Wissenschaftler uneinig. Einige lassen bereits typische Hautreaktionen als Anaphylaxie gelten. Andere sprechen erst dann davon, wenn mindestens zwei Organsysteme betroffen sind oder der Kreislauf bzw. die Atmung beeinträchtigt ist.

Verbreitung

Bis heute liegen keine genauen Daten über die Anzahl anaphylaxiegefährdeter Menschen vor. In den vergangenen Jahren konnte allerdings ein Anstieg von Krankenhausaufnahmen bei schweren allergischen Reaktionen verzeichnet werden. 

Für die USA gehen Forscher von etwa  40 bis 50 betroffenen Personen pro 100 000 Einwohnern aus. Studien aus Europa zeigen niedrigere Zahlen: In England wurden rund acht Fälle auf 100 000 Einwohner dokumentiert.  In Deutschland haben Wissenschaftler die Einsätze Berliner Notärzte ausgewertet. Eine Anaphylaxie wurde zwei bis drei Mal pro 100 000 Einwohnern diagnostiziert.

Für Deutschland, Österreich und die Schweiz besteht seit über 10 Jahren das Anaphylaxieregistereine Datenbank, in der Informationen zu anaphylaktischen Reaktionen gesammelt werden. Die Datenbank trägt dazu bei, mehr über die Auslöser der Reaktionen und die Patientenversorgung zu erfahren. Sie hilft dadurch, die Qualität der Versorgung zu verbessern. Inzwischen sind in dem Register – auch unter Beteiligung weiterer Länder – über 10 000 Fälle eingetragen.

Ursachen und Auslöser

Die Anaphylaxie ist meist die Folge einer fehlgesteuerten Immunreaktion auf eigentlich harmlose Substanzen. In der Mehrzahl der Fälle handelt es sich dabei um eine allergische Reaktion vom „Soforttyp“. Sie tritt innerhalb von wenigen Sekunden oder Minuten nach Kontakt mit der auslösenden Substanz auf. Sogenannte IgE-Antikörper setzen dabei eine Entzündung  in Gang. Seltener sind  allergische Reaktionen, die um Stunden verzögert ablaufen.   Darüber hinaus kann auch eine sogenannte „nicht IgE-abhängige Überempfindlichkeit“ eine Anaphylaxie hervorrufen. Sie ähnelt einer Allergie, die Entzündung entsteht aber nicht aufgrund einer fehlgeleiteten Immunreaktion und es kommt nicht zum Anstieg der IgE-Antikörper im Blut.

Die Informationen aus dem Anaphylaxieregister lassen den Schluss zu, dass schwere anaphylaktische Reaktionen vor allem hervorgerufen werden durch:

  • Insektengifte
  • Medikamente
  • Nahrungsmittel

Anaphylaxie im Erwachsenenalter

Die häufigsten Auslöser einer Anaphylaxie bei Erwachsenen sind Insektengifte (Wespengift häufiger als Bienengift). An zweiter Stelle stehen  Reaktionen auf Medikamente. Vor allem Schmerzmittel mit Inhaltstoffen wie Diclofenac, Acetylsalicylsäure und Ibuprofen, aber auch Antibiotika wie Penicilline und Cephalosporine können die Beschwerden erzeugen.

Manche Betroffene entwickeln nur unter bestimmten Umständen eine Anaphylaxie. So gibt es etwa eine Form der Weizenallergie, bei der erst körperliche Anstrengung nach Weizenaufnahme die Anaphylaxie hervorruft.  Auch Stress, Alkohol, Infekte oder bestimmte Medikamente wie ACE-Hemmer oder Betablocker können eine anaphylaktische Reaktion begünstigen.

Risikofaktoren für Anaphylaxien sind ein hohes Lebensalter, schwere Herz-Kreislauferkrankungen, starkes Asthma oder eine Mastozytose. Die Mastozytose ist eine seltene Erkrankung, bei der es im Gewebe zur Anhäufung von Mastzellen kommt. Diese Zellen produzieren Botenstoffe, die eine wichtige Rolle bei anaphylaktischen Reaktionen spielen.

 Anaphylaxie im Kindesalter

Bei Kindern rufen vor allem Nahrungsmittel schwere allergische Reaktionen hervor. Auf Platz 1 der Auslöser stehen Erdnüsse, gefolgt von Kuhmilch, Hühnerei und Haselnüssen.

Beschwerden

Anaphylaktische Reaktionen äußern sich typischerweise durch Symptome der Haut und Schleimhaut, der Atemwege, des Verdauungstrakts und des Herz-Kreislauf-Systems. Bei leichten Reaktionen stehen meist Juckreiz, Nesselsucht (Urtikaria), Rötungen und Schwellungen im Vordergrund. Mit zunehmendem Schweregrad können Magen-Darm-Beschwerden wie Bauchschmerzen und Erbrechen hinzukommen. Außerdem können die Atemwege betroffen sein, was sich im günstigsten Fall nur durch Heiserkeit und eine laufende Nase äußert, im schwersten Fall aber zu Kehlkopfschwellungen, Atemwegskrampf und Atemstillstand führen kann. Darüber hinaus kann der Blutdruck abfallen und der Herzschlag schneller werden, bis hin zum Kreislaufstillstand.

Umgangssprachlich ist der Begriff allergischer Schock verbreitet. Dieser bezeichnet die besonders ausgeprägte Form der anaphylaktischen Reaktion, bei der der Kreislauf versagt.

Die Anzeichen einer Anaphylaxie verlaufen individuell sehr unterschiedlich. Sie können leicht oder stark ausgeprägt sein, einzeln oder auch kombiniert auftreten. Zudem können sie sich nacheinander zeigen oder auch gleichzeitig. Manchmal kündigt sich eine Anaphylaxie durch Warnsignale an: Das kann ein Brennen oder Kribbeln an der Zunge oder am Gaumen sein, ein metallischer Geschmack auf der Zunge, Brennen an Handflächen und Fußsohlen, Kopfschmerzen oder ängstliche Unruhe.

Diagnose

Anaphylaktische Reaktionen sind nicht immer eindeutig zu erkennen, so dass es für den behandelnden Arzt wichtig ist, andere Erkrankungen etwa des Herz-Kreislaufsystems, des Stoffwechsels oder der Atemwege auszuschließen.

Im Rahmen einer Blutuntersuchung kann es zudem sinnvoll sein, die so genannte Tryptase zu bestimmen.  Ist dieser Botenstoff erhöht, besteht ein gesteigertes Risiko für anaphylaktische Reaktionen (besonders bei Insektengiftallergie).

Besteht der Verdacht auf eine Allergie, sollte ein Allergologe diesen im weiteren Verlauf mit einem Hauttest und Blutuntersuchungen auf IgE-Antikörper absichern.

Therapie

Im akuten Fall sollte zunächst die Zufuhr des Auslösers gestoppt werden, etwa indem man einen Bienenstachel ohne Quetschen entfernt oder eine Penicillin-Infusion unterbricht.

Das wichtigste Medikament, um eine anaphylaktischen Reaktion in den Griff zu bekommen, ist Adrenalin. Es wirkt rasch, stabilisiert den Kreislauf, stärkt die Herzfunktion und erweitert die Atemwege. Es wird meistens in den Muskel gespritzt, manchmal auch in die Vene oder über eine Atemmaske verabreicht.

Antihistaminika und Kortison-Präparate können zudem die überschießende Reaktion des Immunsystems eindämmen, wirken allerdings langsamer als Adrenalin.

Versagt der Kreislauf, gibt der Arzt Flüssigkeit über eine Infusion. Ist die Atmung beeinträchtigt, wird Sauerstoff über eine Atemmaske verabreicht. Bei Atemwegsbeschwerden wendet man Beta-2-Mimetika (Asthmasprays) an.

Langfristig kommen vorbeugende Maßnahmen zum Einsatz (siehe dort).

Verhalten im Notfall

Einem Menschen mit einer schweren anaphylaktischen Reaktion beizustehen, kann große Verunsicherung auslösen. Insbesondere dann, wenn der Betroffene nicht mehr in der Lage ist, sich mitzuteilen. Deshalb haben wir im Folgenden einige Informationen für Sie zusammengestellt, die Ihnen im Notfall helfen sollen, schnell und sicher zu handeln.

Bleiben Sie ruhig und rufen Sie den Notarzt über die Nofallnummer 112. Erklären Sie, dass es sich vermutlich um eine anaphylaktische Reaktion handelt.

Bleiben Sie bei der betroffenen Person und leisten Sie erste Hilfe. Jeder Mensch, der bereits einmal eine schwere anaphylaktische Reaktion erlitten hat, erhält ein Notfallset, das in der Regel immer dabei sein sollte.

Dieses Notfallset besteht aus:

  • Adrenalin in Form eines Autoinjektors, welches den Kreislauf stabilisiert
  • einem Antihistaminikum, das die allergische Reaktion mildert
  • einem Kortisonpräparat, das entzündliche Reaktionen lindert
  • ggf. einem Asthmaspray, das die Atmung normalisiert
  • einer Anleitung zum Verhalten im Notfall und Umgang mit den Medikamenten
  • einem Anaphylaxie-Pass, in dem Personalien und Allergieauslöser vermerkt sind

Bei einer beginnenden Reaktion werden zunächst das Antihistaminikum und das Kortison verabreicht und der Betroffene auf weitere Anzeichen beobachtet. Bei schweren Reaktionen ist das wichtigste und meist lebensrettende Utensil des Sets der Adrenalin-Autoinjektor. Bei folgenden Symptomen sollte man zuerst das Adrenalin verabreichen und dann den Notarzt rufen: Bei plötzlicher Heiserkeit, pfeifender Atmung oder Atemnot, beim gleichzeitigem Auftreten von zwei Symptomen an unterschiedlichen Organen (beispielsweise Bauchkrämpfe und Hautreaktionen) sowie bei Bewusstlosigkeit. Die Regel gilt auch für jede Reaktion nach sicherem Kontakt mit dem individuellen Anaphylaxie-Auslöser.

Entnehmen Sie dazu den Autoinjektor und entfernen Sie die Sicherheitskappe. Drücken Sie den Autoinjektor  gemäß der Abbildung auf der Hülle kräftig gegen die Außenseite des Oberschenkels, notfalls durch den Stoff der Kleidung. Ein Klicken signalisiert, dass das Adrenalin automatisch freigesetzt wurde. Halten Sie den Injektor noch zehn Sekunden in dieser Stellung.

Helfen Sie dem Betroffenen durch die richtige Lagerung. Bei Atemnot empfiehlt sich eine sitzende Haltung, bei Kreislaufbeschwerden sollten die Beine hochgelagert werden. Bringen Sie den Betroffenen in die stabile Seitenlage, wenn das Bewusstsein getrübt ist. Kontrollieren Sie die Lebenszeichen: Ist kein Puls mehr zu spüren, beginnen Sie mit einer Herzdruckmassage.

Da die Symptome nach kurzer Zeit erneut aufflammen können, sollte die betroffene Person nach einer anaphylaktischen Reaktion in jedem Fall mehrere Stunden medizinisch überwacht werden.

Vorbeugende Maßnahmen

Der sicherste Weg, eine anaphylaktische Reaktion zu verhindern, besteht darin, den Kontakt mit dem Auslöser zu vermeiden. Bei schweren Reaktionen auf Insektengifte kann eine spezifische Immuntherapie in Betracht gezogen werden. Für Nahrungsmittel besteht diese Option in der Praxis noch nicht, auch wenn sie derzeit erprobt wird.

Jede Person, die bereits einmal eine Anaphylaxie durchgemacht hat, deren Auslöser sich nicht vermeiden lassen, sollte vom Arzt ein Notfallset verschrieben bekommen. Das gleiche gilt für Menschen, die an Mastozytose leiden oder für jene, die bereits auf geringste Mengen eines Allergens reagieren (vor allem bei Erdnussallergie).

Leben mit Anaphylaxie

Viele Betroffene und ihre Angehörigen sind nach der Diagnose zunächst verunsichert. Gerade Eltern anaphylaxiegefährdeter Kinder machen sich Sorgen, wenn sich die Auslöser nicht einfach meiden lassen. Um Betroffene beim Umgang mit der Anaphylaxie im Alltag zu unterstützen und ihre Lebensqualität zu verbessern, bieten Fachleute der Arbeitsgemeinschaft Anaphylaxie Training und Edukation e.V. (AGATE) Schulungen an. Zielgruppen sind neben Betroffenen und deren Familien auch Lehrer und Erzieher.

 

Prof. Dr. med. M. Worm

Zuletzt geändert: September 2017