Anaphylaxie

Unser Immunsystem schützt uns gegen schädliche Eindringlinge wie z. B. Viren, Bakterien oder Gifte. Bei einer allergischen Reaktion identifiziert das Immunsystem eine an sich harmlose Substanz wie z. B. eine Pflanzenpolle oder Nahrungsbestandteile als schädlich und produziert Botenstoffe, die das Allergen abwehren und entzündliche Prozesse im Körper auslösen. So erleben circa 30 % aller Deutschen grippeähnliche Symptome als Folge einer allergischen Reaktion auf Pollen. Anaphylaxie ist die schwerste Ausprägung einer allergischen Reaktion.

Definition

Die Anaphylaxie (griechisch; ana = gegen, phylaxis = Schutz) ist eine plötzlich auftretende Reaktion des Immunsystems auf körperfremde Stoffe. Zu den typischen Symptomen einer Anaphylaxie gehören Hautreaktionen wie Rötungen, Juckreiz und auch Nesselsucht. Neben diesen leichten Reaktionen kann es auch zu Durchfällen, Atemnot und schweren Kreislaufreaktionen kommen, die in sehr seltenen Fällen tödlich verlaufen. Die schwerste Reaktion wird als „Anaphylaktischer Schock“ bezeichnet.

Die Anaphylaxie gehört zu den Soforttyp-Allergien. Die Reaktionen treten meist schnell, innerhalb von Sekunden oder Minuten nach Allergenaufnahme auf. So genannte IgE-Antikörper bewirken, dass Zellen bestimmte Botenstoffe freisetzen (zum Beispiel Histamin oder Leukotriene), die oben genannte Reaktionen vermitteln (mehr Informationen hier).

Anaphylaktische Reaktionen werden in verschiedene Schweregrade eingeteilt.

  1. Leichte Allgemeinreaktion (Haut- und Schleimhautreaktionen).
  2. Ausgeprägte Allgemeinreaktion (zusätzlich Übelkeit, Erbrechen).
  3. Bedrohliche Allgemeinreaktion (zusätzlich Atemnot).
  4. Kreislaufversagen (zusätzlich Herzrasen bis hin zum Kreislaufkollaps).

Verbreitung

Bis heute liegen keine genauen Daten über die Anzahl anaphylaxiegefährderter Menschen vor. In den vergangenen Jahren konnte international ein Anstieg von Krankenhausaufnahmen bei schweren allergischen Reaktionen dokumentiert werden. Zur genaueren Erfassung der Erkrankung wurde 2005 das Anaphylaxieregister in Deutschland, Österreich und der Schweiz ins Leben gerufen. In verschiedenen Kliniken werden über einen Online-Fragebogen Daten zu anaphylaktischen Reaktionen aufgenommen. Dabei werden Daten zum Auslöser, möglichen Verstärkerfaktoren, Grunderkrankungen, zur Notfallversorgung und zu vorbeugenden Maßnahmen erfasst. Wenn Sie selbst einmal eine schwere allergische Reaktion erlebt haben, melden Sie diese bei Ihrem Arzt und lassen Sie sich zu den erforderlichen Maßnahmen aufklären.

Ziel des Projekts ist es, eine bessere Kenntnis über die Häufigkeit und die Versorgung von Anaphylaxie-Patienten zu erreichen. Durch die systematische Auswertung der Reaktionen konnte bislang ermittelt werden, dass Nahrungsmittel im Kindesalter der häufigste Auslöser für anaphylaktische Reaktionen sind. Bei Erwachsenen konnten Insektengifte und Medikamente als häufige Trigger ermittelt werden. 

Ursachen und Auslöser

Im Kindesalter sind vor allem Nahrungsmittelallergene häufige Auslöser von anaphylaktischen Reaktionen. Hier spielen die klassischen Grundnahrungsmittel wie Hühnerei und Kuhmilch, aber auch Weizen oder Erdnuss als Ursache schwerster Reaktionen eine wichtige Rolle. Bei Erwachsenen sind Medikamente wie Antibiotika, Schmerzmittel, Röntgenkontrastmittel aber auch Insektengifte von Bienen oder Wespen die häufigsten Ursachen schwerer allergischer Reaktionen. In Bezug auf Nahrungsmittel kann bei Erwachsenen die Kombination aus Weizen und Anstrengung zur Anaphylaxie führen (mehr Informationen hier). Aber auch Sellerie, Nüsse, Fisch, Krusten- und Schalentiere lösen häufig schwere allergische Reaktionen bei Erwachsenen aus. Ein weiterer Auslöser von anaphylaktischen Reaktionen ist Latex (zum Beispiel Latexhandschuhe oder Geräte im medizinischen Bereich).

Diagnose

Die Diagnose einer allergischen Reaktion ist immer ein mehrstufiger Prozess. Zu Beginn steht stets das Gespräch mit dem Arzt (Fachbegriff: Anamnese), bei Lebensumstände, Symptome, familiäre Allergiebelastungen erfasst werden.

Daneben können die klassischen Untersuchungen der Allergiediagnostik, wie der Hauttest und die Blutuntersuchung auf IgE-Antikörper Auskunft geben, auf welche Stoffe Sie empfindlich reagieren (mehr Informationen hier). Leider können diese Tests keine Aussage dazu machen, ob und wie heftig Sie auf den Stoff, der im Hauttest positiv war, reagieren. Nur durch Provokationstestungen, die nur unter strenger ärztlicher Aufsicht durchgeführt werden dürfen, lässt sich sicher herausfinden, was die Ursache Ihrer allergischen Reaktion ist.

Therapie

Der sicherste Weg, einen anaphylaktischen Schock zu verhindern, besteht darin, den Kontakt mit oder die Aufnahme von auslösenden Stoffen zu vermeiden. Bei schweren Reaktionen auf Insektengifte kann eine Immuntherapie in Betracht gezogen werden. Für Nahrungsmittel besteht diese Option leider noch nicht. Sie sollten einen Allergiepass erhalten, der die Auslöser der allergischen Reaktion dokumentiert und diesen immer mit sich führen. Jeder, der einmal eine sehr schwere allergische Reaktion hatte, sollte von seinem Arzt/ seiner Ärztin ein Notfallset verordnet bekommen.

Was tun im Notfall?

Bei einer anaphylaktischen Reaktion zählt im Notfall jede Sekunde. Deshalb ist es wichtig, dass auch die Familie und Freunde über die Handhabung der Notfallmedikamente aufgeklärt werden. So kann Ihnen im Ernstfall jeder helfen!

Das Notfallset besteht aus:

  • einem Antihistaminikum, bekämpft die allergische Reaktion
  • einem Kortisonpräparat, bekämpft entzündliche Reaktionen
  • Adrenalin (Autoinjektor) stabilisiert den Kreislauf
  • ggf. Asthmaspray, normalisiert die Atmung

Das wichtigste und meist lebensrettende Utensil des Sets ist der Auto-Injektor, da das enthaltene Adrenalin den Kreislauf sehr schnell stabilisiert und die Herzfunktion normalisiert. Das im Notfall benötigte Adrenalin wird mit Hilfe des Auto-Injektors (auch Epipen) intramuskulär mit einer Spritze in den seitlichen Oberschenkel injiziert. Hierzu wird der Injektor mit der Hand, mit der Sie schreiben, aus der Hülle geholt. Die Sicherheitskappe muss entfernt werden, um die Nadel freizulegen. Stoßen Sie dann – sitzend oder liegend – die Spritze in die Außenseite des Oberschenkels. Das Adrenalin wird automatisch freigesetzt.

In jedem Fall muss bei einer anaphylaktischen Reaktion umgehend der Notarzt gerufen werden, da die Symptome nach kurzer Zeit erneut aufflammen können und dann eine zweite Adrenalingabe notwendig ist.

Erfahren Sie in diesem Video, wie Sie den allergischen Notfall erkennen und richtig reagieren.

Prof. Dr. med. M. Worm

Zuletzt geändert: Juli 2016