Zöliakie

Zöliakie ist eine chronische Darmkrankheit, die sich im Dünndarm äußert. Betroffene reagieren dabei auf Gluten, das vom Immunsystem fälschlicherweise als schädlich eingestuft wird.

Gluten ist ein Klebereiweiß. Es sorgt zum Beispiel dafür, dass Teig aus glutenhaltigem Getreide elastisch wird. Wenn Zöliakie-Betroffene glutenhaltige Nahrung aufnehmen, bildet der Körper wie bei einer Allergie Antikörper, die sich aber nicht nur gegen das Eiweiß selbst, sondern wie bei einer Autoimmunkrankheit auch gegen körpereigene Strukturen richten. Aus diesem Grund handelt es sich bei der Zöliakie nicht um eine Allergie im engen Sinn, auch wenn bei beiden das Immunsystem beteiligt ist.

Gluten ist in Weizen, Roggen, Gerste und anderen Getreidesorten enthalten. Bei der Krankheit entstehen durch die Immunreaktion entzündliche Veränderungen im Dünndarm, wodurch wichtige Nährstoffe schlechter aufgenommen werden. Außerdem können Folgeerkrankungen auftreten, die den Allgemeinzustand oder andere Körperorgane betreffen.

Verbreitung bei Kindern und Erwachsenen

Lange Zeit wurde vermutet, dass die Krankheit in der Kindheit entsteht; heute weiß man jedoch, dass sie in jedem Alter auftreten kann. Zöliakie ist bei Kindern und Erwachsenen etwa gleich häufig, allerdings erkranken Frauen häufiger als Männer.

Mit Hilfe von gezielten Testungen wurde gezeigt, dass in Europa und Nordamerika etwa 1 % der Gesamtbevölkerung betroffen ist. Eine Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland konnte bei etwa 0,9 % der über 12.000 Teilnehmer eine Zöliakie im Blut nachweisen.

Ursachen

Die genaue Ursache für Zöliakie ist unklar und vermutlich auch nicht bei jedem Patienten gleich, da bei der Entstehung wahrscheinlich immer mehrere Faktoren beteiligt sind. Da Zöliakie in einigen Familien gehäuft auftritt, gehen Forscher davon aus, dass die genetische Anlage eine gewisse Rolle spielt. Zu den Risikogruppen gehören aber neben den engen Familienmitgliedern eines Zöliakie-Betroffenen auch Menschen mit Down-Syndrom (Fachbegriff: Trisomie 21) oder Personen mit einem Typ-1-Diabetes und anderen Erkrankungen. Ob bei der Entstehung die Ernährung im Säuglingsalter eine Rolle spielt, ist nicht vollständig geklärt. Fachgesellschaften empfehlen aber, Säuglinge innerhalb einer bestimmten Altersspanne an kleine Glutenmengen zu gewöhnen und das Kind während dieser Gewöhnungszeit weiterhin zu stillen.

Beschwerden

Die Beschwerden der Zöliakie werden durch glutenhaltige Nahrungsmittel wie Brot, Brötchen, Kuchen, Nudeln oder Müsli ausgelöst. In Untersuchungen wurde gezeigt, dass viele Erwachsene bei einem Verzehr von sehr geringen Glutenmengen keine Symptome zeigen (weniger als 10 Milligramm pro Tag), andere aber auch bei sehr geringen Mengen unterhalb dieses Werts schon Beschwerden bekommen.

Die Symptome der Krankheit umfassen ein recht breites Spektrum. Die Patienten können dabei unter Verdauungsstörungen wie Durchfall, Verstopfung, Blähungen, Erbrechen, chronischen Bauchschmerzen oder Appetitlosigkeit leiden, aber auch allgemeine Krankheitszeichen oder andere Symptome zeigen. Dazu gehören zum Beispiel Müdigkeit, Blutarmut (Fachbegriff: Anämie), Blässe, Schwäche, Knochenschwund (Fachbegriff: Osteoporose) oder eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit. Jedoch gibt es auch eine Vielzahl an Patienten, bei denen die Krankheit im Blut nachgewiesen wurde, die jedoch keine oder kaum Beschwerden aufweisen.

Bei einer Zöliakie werden durch die entzündlichen Reaktionen die Darmausstülpungen (Fachbegriff Darmzotten) mit der Zeit kleiner. Da der Körper aber über die Oberfläche dieser Darmzotten wichtige Nährstoffe und Flüssigkeit aufnimmt, kommt es durch die kleinere Fläche mit der Zeit zu Mangelerscheinungen.

Medizinisch grenzt man die Zöliakie von weiteren Krankheitsbildern wie der Weizenallergie ab. Die Beschwerden und Behandlungsmöglichkeiten bei der Weizenallergie können denen der Zöliakie ähnlich sein und müssen deshalb bei einer Diagnosestellung berücksichtigt werden.

Ähnliche Magen-/Darmbeschwerden wie eine Weizenallergie kann auch eine sogenannte Nicht-Zöliakie-Nicht-Allergie-Weizensensitivität verursachen. Dieses Beschwerdebild ist bislang nicht eindeutig beschrieben. Es ist unklar, ob dabei auf Gluten oder auf andere Bestandteile des Weizens reagiert wird. Bei der Weizensensitivität kommt es zu Bauchschmerzen, Blähungen, teilweise auch zu Durchfällen; die Betroffenen berichten von Müdigkeit, Kopfschmerzen und Muskel-/Gelenkbeschwerden. Die Diagnose Weizensensitivität wird als Ausschlussdiagnose gestellt: Zeigen die Untersuchungsergebnisse, dass keine Allergie und keine Zöliakie vorliegen und verschwinden die Symptome unter glutenfreier Diät, kann man eine Weizensensitivität erwogen werden. Insgesamt wird die Existenz einer Nicht-Zöliakie-Nicht-Allergie-Weizensensitivität in der medizinischen Fachwelt kontrovers diskutiert.

Diagnose

Bei Verdacht auf eine Zöliakie wird der Arzt zunächst die Ernährungsgewohnheiten, Beschwerden sowie Hintergründe zur Familiengeschichte erfragen (Fachbegriff: Anamnese). Die Diagnose gilt als sicher, wenn sich bestimmte Antikörper im Blut nachweisen lassen, die unter einer glutenfreien Diät weniger werden, und außerdem typische Gewebeveränderungen im Darm feststellbar sind. Bei den Antikörpern handelt es sich meist um die sogenannten Transglutaminase-IgA-Antikörper, die bei fast allen Zöliakiepatienten erhöht sind. Da manche Betroffene aber einen generellen Mangel an Antikörpern dieser Klasse haben (Fachbegriff IgA-Mangel, IgA=Immunglobulin A), der eine Zöliakie verdecken kann, wird auch dies getestet. Außerdem sollte untersucht werden, ob bereits ein Nährstoffmangel, z. B. an Vitamin B12, Eisen, Folsäure oder Calcium, besteht.

Neben den Laboruntersuchungen dient eine Dünndarmspiegelung (Fachbegriff: Duodenoskopie) dazu, die Diagnose zu sichern. Hierbei wird der Dünndarm des Patienten mit Hilfe eines dünnen Schlauchs untersucht, an dessen Ende eine Kamera sitzt. Dabei lassen sich auch winzige Gewebeproben entnehmen (Fachbegriff: Biopsie), die später unter dem Mikroskop untersucht und klassifiziert werden können.

Wichtig ist, dass man vor den Untersuchungen bei einem Verdacht auf Zöliakie für mindestens zwei bis drei Monate regelmäßig glutenhaltige Nahrungsmittel verzehrt hat. Wenn man bereits vor den Untersuchungen streng auf Gluten verzichtet hat, so lässt sich die Zöliakie meistens nicht mehr nachweisen.

Ohne gezielten Verdacht kann es Ärzten insbesondere bei Erwachsenen schwer fallen, eine Zöliakie zu erkennen, denn die Symptome sind oft untypisch oder weniger ausgeprägt als bei Kindern. Dazu können niedrigere Antikörperspiegel (Fachbegriff: Titer) und nur leichte Veränderungen des Dünndarmgewebes kommen.

Therapie

Die Ursachen der Zöliakie lassen sich bis heute nicht effektiv behandeln. Die einzige Behandlungsmöglichkeit ist deshalb eine lebenslange glutenfreie Ernährung. Patienten sollten ihre Ernährung aber nur umstellen, wenn die Diagnose gesichert ist und der Arzt dies als Behandlung empfiehlt. Die Ernährungsumstellung auf glutenfreie Kost sollte unbedingt von einer qualifizierten Ernährungsfachkraft begleitet werden, um eine ausgewogene Ernährung sicherzustellen.

Zöliakiebetroffene haben außerdem ein erhöhtes Risiko für schwerwiegende Folgekrankheiten wie Diabetes oder Krebs, das für die meisten Krankheiten unter einer glutenfreien Ernährung jedoch wieder abnimmt. Deshalb empfehlen die Fachgesellschaften auch beschwerdefreien Patienten mit gesicherter Diagnose, sich glutenfrei zu ernähren oder sich zumindest mit den Vor- und Nachteilen der Ernährungsumstellung auseinanderzusetzen.

Leben mit Zöliakie

Da Gluten in so vielen unserer Nahrungsmittel enthalten ist, erfordert eine vollständig glutenfreie Ernährung gute Kenntnisse und viel Disziplin. Natürlicherweise kommt Gluten in Weizen, Dinkel, Roggen, Gerste, Grünkern, Urkorn, Emmer und Kamut vor, aber auch in allen Lebensmitteln, die daraus hergestellt werden, z. B. Mehl, Stärke, Grieß, Graupen, Flocken, Paniermehl und Teigwaren. Dementsprechend findet sich Gluten ebenfalls in allen normalen Broten, Brötchen, Kuchen, Müsliriegeln, Knabbereien, Nudeln, Panaden etc. In vielen Lebensmitteln versteckt es sich aber auch, ohne dass es auf den ersten Blick ersichtlich wäre, z. B. in vielen Lebensmitteln, die aus Kartoffeln, Obst oder Milch gemacht werden, in aromatisierten Getränken, in Gewürzen und Soßen sowie in Wurst- und Fleischwaren. Nicht zu unterschätzen ist auch die Kontamination glutenfreier Nahrung durch glutenhaltige Speisereste: Deshalb sollten Betroffene sogar glutenfreie Haushaltsgeräte (z. B. Toaster, in denen nur glutenfreies Brot getoastet wird) verwenden.

Die Deutsche Zöliakie Gesellschaft DZG (www.dzg-online.de) bietet umfassende Informationen zur Zöliakie und zur glutenfreien Ernährung und stellt Betroffenen, Angehörigen und Interessierten auch eine Lebensmittelliste zur Verfügung. Außerdem gibt es viele hilfreiche Tipps, z. B. zu Restaurantbesuchen, Urlaub, glutenfreien Rezepten, dem Zöliakiepass und vielem mehr.

In Europa müssen alle verarbeiteten Lebensmittel, die auf normalem Wege erworben werden können, gekennzeichnet sein. Produkte mit einer durchgestrichenen Ähre oder der Kennzeichnung „glutenfrei“ auf der Verpackung gelten somit als sicher. Aber Vorsicht: Glutenfreie verarbeitete Lebensmittel sind nicht automatisch gesund, da ihnen oft Zucker und Fette zugesetzt werden, um bezüglich Geschmack und Konsistenz besser anzukommen.

Selbstverständlich sind regelmäßige Kontrolluntersuchungen beim Arzt – wie bei den meisten chronischen Erkrankungen – auch für Menschen mit Zöliakie Pflicht. Die DZG empfiehlt Patienten beispielsweise, sich drei, sechs und zwölf Monate nach dem Beginn der glutenfreien Ernährung und anschließend einmal im Jahr untersuchen zu lassen.

Prof. Dr. med. Dr. h.c. T. Zuberbier
Letzte Änderung: November 2016