Kälteurtikaria

Unsere Haut reagiert auf Kälte – rosige Wangen und Gänsehaut sind sichtbare Zeichen dafür. Bei manchen Menschen lösen niedrige Temperaturen aber extreme, ungewöhnliche Reaktionen aus. Ihre Haut schwillt an und bildet rote, juckende Quaddeln. Wie kommt es zu dieser Reaktion? Und was lässt sich dagegen unternehmen? ECARF sprach mit Prof. Dr. Markus Magerl vom Allergie-Centrum-Charité in Berlin über das besondere Phänomen der Kälteurtikaria.

Bei manchen genügt bereits der Griff in den Kühlschrank, andere vertragen die Kälte durch verdunstenden Schweiß nicht: Kaum kühlt ihre Haut ab, bilden sich juckende Quaddeln und die Betroffenen sehen aus, als wären sie in ein Büschel Brennnesseln geraten. Im Gesicht führt das teilweise zu bizarren Schwellungen. Wer innerhalb von fünf bis zehn Minuten so auf einen Kältereiz reagiert, hat vermutlich eine besondere Form der Nesselsucht – eine sogenannte Kälteurtikaria.
Typisch für diese Erkrankung ist nicht nur der Auslöser, sondern auch „dass die Beschwerden auf die Körperstelle beschränkt sind, an der die Kälte eingewirkt hat“, so der Allergologe Markus Magerl. „Das heißt, wenn der Patient bis zum Knie ins Wasser gegangen ist, dann sind abwärts des Knies Quaddeln zu sehen, oberhalb davon ist alles unverändert.“

Prof. Dr. Markus Magerl
Foto: Prof. Magerl

Dabei ist der Begriff „Kälte“ durchaus irreführend. Bei der Erkrankung kommt es nicht darauf an wie kalt die Umgebung ist. Es zählt, welche Temperatur die Haut hat – und die muss nicht einmal extrem kalt werden, um Symptome zu entwickeln. Einige Menschen reagieren bereits ab einer Hauttemperatur von 30 Grad Celsius. „Da kann schon der Kontakt des Unterarms mit dem Tisch oder des Oberschenkels mit der Toilettenbrille die Beschwerden auslösen“, erklärt Magerl. „Liegt der Schwellenwert hoch, ist die Beeinträchtigung natürlich groß.“ Immerhin: eine halbe Stunde (manchmal auch erst einige Stunden) nachdem sich die Haut wieder „erwärmt“ hat, verschwinden die Quaddeln wieder.

Gefährlicher Sprung ins Wasser

In seltenen Fällen kann die Kälteurtikaria auch gefährlich werden. Etwa wenn ein Sprung ins kalte Wasser Schwellungen am ganzen Körper auslöst. Solche großflächigen Quaddeln können laut Magerl den Kreislauf massiv belasten: „Dabei sickern relevante Mengen Flüssigkeit aus dem Blut in die Haut. Das kann zum Blutdruckabfall und letztlich zum Schock und zur Bewusstlosigkeit führen. Darauf müssen die Patienten hingewiesen werden.“ Problematisch könne die Urtikaria auch für Menschen werden, deren Schleimhäute auf Kälte reagieren. „Wenn diese Patienten ein Eis essen, oder kaltes Wasser trinken, kann es zu Schwellungen im Rachenbereich und zu Atembeschwerden kommen.“

Die Quaddeln entstehen, weil Immunzellen des Körpers, sogenannte Mastzellen, aktiviert werden und Botenstoffe freisetzen. Da Mastzellen eine wichtige Rolle bei Allergien spielen, wird die Erkrankung oft als „Kälteallergie“ bezeichnet. Das sei aber unkorrekt, so Magerl: Gegen Kälte als physikalischen Reiz könne man keine Antikörper bilden und somit auch keine Allergie entwickeln. Denkbar sei eher, dass Stoffe, die bei Kälte von Nervenenden freigesetzt werden, um Blutgefäße zu verengen, auch auf Mastzellen wirkten. „Eine andere Vorstellung ist, dass bestimmte Proteine durch die Kälte eine Strukturveränderung erfahren und dann tatsächlich allergen wirken können. Aber was wirklich in dem Schritt zwischen Kälteeinwirkung und Mastzellaktivierung passiert, ist noch geheimnisvoll“.

Welche Therapien helfen

Um die Diagnose einer Kälteurtikaria zu sichern, wenden Ärzte in der Regel einen Provokationstest an: Sie setzen eine mit Eiswürfeln gefüllte Plastiktüte auf die Haut und prüfen, wie der Kältereiz wirkt. An der Charité hat man den nicht standardisierten „Eiswürfeltest“ durch ein elektronisches Messverfahren ersetzt. Mit dem im Allergie-Centrum entwickelten Testgerät lässt sich die exakte Temperatur ermitteln, unterhalb der es zur Quaddel-Bildung kommt. Eine Information, die für Patienten bedeutsam sein kann. „Weiß jemand, dass er eine Schwellentemperatur von 20 Grad hat, dann ist klar, dass er sich beispielsweise beim Schwimmen schützen muss“, erläutert Magerl. Zudem betont der Allergologe, dass sich durch die Aufzeichnung des Schwellenwerts differenzierter erkennen lässt, ob eine Therapie anschlägt.

Für die Behandlung der Kälteurtikaria stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung. Zwar lassen sich die Quaddeln verhindern, indem Kältereize gemieden werden – etwa durch warme Kleidung oder Fettcreme für das Gesicht. Da dies nicht immer praktikabel ist, kommen zunächst Antihistaminika zum Einsatz. Diese können die Erkrankung zwar nicht heilen, aber die Beschwerden lindern. Zeigen sie keine Wirkung, kann der Arzt die Dosis auf das Vierfache steigern. Studien zufolge profitiert ein Teil der Patienten auch von dem IgE Antikörper Omalizumab. Allerdings ist er für die Behandlung der Kälteurtikaria nichtausdrücklich zugelassen und wird bisher nur im „off-label“ Gebrauch eingesetzt. Bei der „off-label“ Anwendung eines Medikaments sind Wirkungen und Nebenwirkungen eventuell noch nicht genügend geprüft. Zudem bezahlen Krankenkassen das Medikament nur in Ausnahmefällen.

Fast ein Drittel der Patienten spricht laut Magerl auch auf eine zwei bis dreiwöchige Therapie mit den Antibiotika Doxycyclin oder Penicillin an. Warum die Medikamente helfen und die Urtikaria manchmal sogar dauerhaft verschwindet, ist noch nicht geklärt. Bemerkenswert sei, so Magerl, dass sie auch dann wirkten, wenn kein Infekt nachgewiesen werden könne. Möglicherweise spielten die entzündungshemmenden Eigenschaften der Medikamente dabei eine Rolle.

In schweren Fällen brauchen die Betroffenen meist etwas Ausdauer und Geduld, bis eine passende Therapie gefunden ist. Da kann die Gewissheit trösten, dass die Kälteurtikaria nach einiger Zeit von allein wieder verschwindet. Im Schnitt vergehen bis dahin allerdings etwa vier bis fünf Jahre.