„Pollenmessung ist Bundesaufgabe“

Prof. Dr. Karl-Christian Bergmann, Vorsitzender der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst

Die Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst ruft auf ihrer Internetseite zur Rettung der Pollenmessung in Deutschland auf. Wir wollten wissen, was es damit auf sich hat und haben den Vorsitzenden der Stiftung, Prof. Dr. Karl-Christian Bergmann, befragt.

  • Prof. Bergmann, Sie sind Vorstand der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst. Wann wurde die Stiftung gegründet und was sind Ihre Aufgaben?

Die Stiftung wurde 1983 gegründet. Sie hat die Aufgabe die deutsche Bevölkerung über den Pollenflug zu informieren. Zum einen im Sinne der Pollenflugvorhersage, die man sich wie einen Wetterbericht vorstellen kann, nur eben mit Pollen. Die Vorhersage informiert darüber, ob es viele oder wenige Pollen geben wird. Zum anderen bereitet die Stiftung die Daten so auf, dass jeder Heuschnupfenpatient oder Pollenasthmatiker die Daten einordnen und verstehen kann. Moderne Apps verbinden die Daten der Stiftung mit einer Symptomvorhersage. Die App Husteblume geht noch einen Schritt weiter und bietet Informationen über die bestmögliche Behandlung. Durch die Erfassung der Pollen in der Luft können wir vielen Menschen ganz konkret helfen.

  • Die Pollenvorhersage baut darauf auf, dass jemand die Pollen in der Luft einfängt und auszählt. Wie kann man sich einen ganz normalen Tag eines Pollenanalysten vorstellen?

Pollenfallen sind Geräte, die an verschiedenen Orten in Deutschland auf den Dächern stehen. Sie saugen Luft an und alle Teilchen in der Luft werden auf einem Tesafilm aufgefangen. Dieser Film bleibt bis zum nächsten Morgen in der Falle. Dann steigt der Pollenanalyst auf das Dach, tauscht den Film aus, färbt den benutzten Film an und zählt die Pollen aus. Eigentlich wissen wir also immer erst einen Tag später, wie viele Pollen in der Luft waren.

  • Wie wird dann aus den ausgezählten Pollen eine Pollenflugvorhersage?

Wenn man die Zahl der Pollen aus den Pollenfallen mit der Wettervorhersage und den Kenntnissen über die Ausbreitung und den Entwicklungsstand der Pflanzen verbindet, kann man daraus gute Vorhersagen über den Pollenflug in den kommenden Tagen ableiten. Das Wetter spielt eine ganz entscheidende Rolle. Denn bei kaltem Wetter werden weniger Pollen frei gesetzt, bei leichtem Wind und Sonne gibt es mehr Pollen. Die Daten über den Pollenflug übergibt die Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst deshalb an den Deutschen Wetterdienst, der dann eine Berechnung der Pollenvorhersage durchführt.

  • Wie viele Pollenmessstationen gibt es in Deutschland?

Die Zahl schwankt von Jahr zu Jahr, aber insgesamt sind es rund 35 bis 40. Davon sind 10 so genannte Referenzstationen, sie werden das gesamte Jahr ausgewertet. 25 – 28 Stationen sind hauptsächlich ab Februar bis in den Herbst aktiv.

  • Werden die Pollenanalysten von der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst bezahlt?

Ja, das ist richtig. Wir zahlen den Analysten ein gewisses Geld.  Allerdings konnten wir aufgrund der Finanzlage der Stiftung dieses Honorar in den vergangenen Jahren nie erhöhen, sodass es mittlerweile schon fast eher ein symbolischer Wert ist. Auch die Pollenfallen gehören mehrheitlich der Stiftung, ein Gerät kostet etwa 4000 Euro. Wir sind natürlich auch für Wartung und Reparaturen verantwortlich. Diese Instandhaltungskosten sind in den vergangenen Jahren ebenso gestiegen wie die Ausgaben für unsere Qualitätskontrollen, die immer besser werden. Die Zinsen aus unserem Stiftungskapital hingegen sind aufgrund der aktuellen Zinslage leider stetig gesunken.

  • Was würde passieren, wenn es keine Pollenmessung mehr gäbe?

Erstens würde es keine Pollenflugvorhersage mehr in Deutschland geben. Zweitens könnten wir keine Vorhersagen über die Intensität der Beschwerden mehr machen. Auch die therapeutischen Möglichkeiten würden eingeschränkt. Drittens können wir die Folgen des Klimawandels für Deutschland schlechter beurteilen. Durch die veränderten Temperaturen weiten viele Pflanzen ihre Umgebung aus. Die Ambrosiapflanze, zum Beispiel, hat sich in den letzten Jahren von Süd- nach Nordeuropa ausgedehnt. Ohne Pollenmessung wird es unmöglich sein, Maßnahmen wie die Entfernung der Ambrosia-Pflanzen in Berlin auf ihre Wirksamkeit hin zu untersuchen. Forschende Arzneimittelhersteller, die Präparate zur Immuntherapie herstellen, hätten außerdem weniger Möglichkeiten, um die Wirksamkeit ihrer Medikamente zu überprüfen. Denn ob eine Therapie erfolgreich war, lässt sich natürlich nur beurteilen, wenn man weiß, wann die Symptome eigentlich hätten auftreten müssen. Und nicht zuletzt würde uns wichtiges Wissen über die Luftqualität in Städten fehlen. Luftschadstoffe verbinden sich nämlich mit Pollen und verursachen gemeinsam stärkere Symptome als einzeln.

  • Auf der Webseite des PID rufen Sie zu einer Online-Petition auf. Worum geht es da genau?

Die Stiftung Polleninformationsdienst kann die gestiegenen Kosten für Gerätehaltung und Qualitätsmanagement nicht mehr alleine schultern. Deshalb fordern wir in einem Schreiben den Bundesgesundheitsminister auf, die Stiftung finanziell zu unterstützen. Wir glauben, dass die Pollenmessung eine Bundesaufgabe ist. Wer die Online-Petition unterzeichnet, unterstützt uns bei unserer Bitte an den Gesundheitsminister.

  • Warum glauben Sie, dass die Pollenmessung eine bundespolitische Aufgabe ist?

Wir messen für alle Bundesländer, also für Gesamtdeutschland. Die Pollenmessung ist eine Messung, die der Gesundheit der deutschen Bevölkerung dient. Und es ist unsere Überzeugung, dass Pollen als natürliche Luftschadstoffe zu bewerten sind. Anerkannte Luftschadstoffe wie zum Beispiel Ozon unterliegen der Messpflicht der Bundesländer. Pollen nicht. Wir glauben, dass muss sich ändern. Wenn Pollen als natürliche Luftschadstoffe bewertet würden, wäre die Diskussion um die finanzielle Unterstützung für die Pollenmessung hinfällig.

  • Wie erklären Sie sich, dass die Politik im Bereich der Pollenmessung bislang nicht engagiert?

Alle, die diese Daten nutzen, haben sich daran gewöhnt, dass sie seit 1983 da sind. Die verbreitete öffentliche Wahrnehmung ist, dass die Pollenmessung vom Bundesgesundheitsministerium oder vom Umweltministerium bezahlt wird. Dass das überhaupt nicht so ist, wissen die wenigsten. Aufgrund der öffentlichen Meinung besteht also wenig akuter Handlungsbedarf für die Politik. Und wir als Stiftung haben bislang noch nie auf diesen Missstand in dieser Form aufmerksam gemacht.

  • Was kann man tun, um die Pollenstiftung zu unterstützen?

Je größer die Zahl der Unterstützer unserer Online-Petition an den Bundesgesundheitsminister Gröhe, umso höher stehen unsere Chancen, dass wir Unterstützung erfahren. Denn so wird deutlich, dass die Pollenmessung eine Aufgabe ist, die viele Betroffene interessiert. Mit einer – in bundespolitischen Dimensionen gesprochen – verhältnismäßig kleinen Summe Geld, könnten wir vielen Menschen helfen. Um genau zu sein, bräuchten wir etwa 100.000 Euro jährlich, um auch in Zukunft 12 Millionen Pollenallergikern durch unsere Arbeit zu helfen. Jede Unterschrift hilft, damit wir auch in Zukunft in Deutschland eine Pollenmessung haben.

Wir danken Prof. Dr. Karl-Christian Bergmann für dieses Interview. Mit ihm gesprochen hat Dr. Cosima Scholz von ECARF.

Hier geht es zur Online-Petition und hier zur Webseite der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst.