Interview: Nein, das ist nicht ansteckend!

Wie fühlt es sich an, wenn man ein 17-jähriges Mädchen ist und 74 Lebensmittelallergien hat? Wie sieht der Schultag aus? Hilft Kosmetik gegen Hautausschlag im Gesicht? Was darf man auf Parties essen? Wie unterstützt die Familie? Matthias Colli von ECARF traf Jessi, sie geht in Berlin in die 10. Klasse. Er sprach mit ihr über ihr Leben als Teenager mit Nahrungsmittelallergien.

ECARF: Kannst du uns etwas über dich erzählen?

J: Mein Name ist Jessi, ich bin 17 Jahre alt und ich habe 74 Nahrungsmittelallergien. Immer wenn ich etwas esse, auf das ich allergisch bin, reagiert meine Haut. Manchmal sind die Reaktionen unterschiedlich, je nachdem was ich esse. Meistens bekomme ich Hautausschlag an den Armen und Beinen. Da sind rote Punkte oder Flecken. Manchmal bekomme ich sie auch im Gesicht. Das ist natürlich etwas schwierig, weil ich Arme und Beine  gut verdecken kann, aber im Gesicht geht das nicht. Ich finde es schon nervig, wenn ich was auf Nase oder Wange habe.

ECARF: Und was machst du dann? Bleibst du zu Hause?

J: Es gibt nicht wirklich viel, das ich tun kann, außer abzuwarten. Von alleine verschwindet der Ausschlag in der Regel nach ein bis zwei Wochen. Ich habe zwar auch eine Creme gegen Hautirritationen, aber die wirkt nur sehr langsam. So oder so muss ich also eine oder zwei Wochen warten. In der Zeit gehe ich normal zur Schule und versuche es zu ignorieren. Mir geht es ja nicht wirklich schlecht. Ich habe einfach nur diese Flecken im Gesicht. Make-up darf ich natürlich nicht benutzen, also stelle ich mir einfach vor, dass es eine Detox-Pause für meine Haut ist.

ECARF: Was sagen deine Freunde?

J: Manchmal fragen sie mich, was das auf meiner Haut ist. Letztes Mal hatte ich Ausschlag an den Armen und eine Freundin fragte mich: „Kriege ich das auch, wenn ich es berühre?“  „Nein, nein, das ist nicht ansteckend!“, beruhigte ich sie.

Manche Leute wissen einfach nicht, wie eine allergische Reaktion aussieht. Ich bin schon auch selbstbewusst und kümmere mich nicht darum, was andere denken. Was ich habe, ist nicht ansteckend, aber es gibt Menschen, die Angst haben, mit mir in denselben Swimming Pool zu steigen, wenn sie mich gesehen haben.

ECARF: Erinnerst du dich an deine ersten allergischen Reaktionen?

J: Die ersten Reaktionen hatte ich, als ich zwei oder drei Jahre alt war. Mit sieben habe ich eine Diät angefangen. Die war sehr streng. Eineinhalb Jahre lang durfte ich kein Gluten essen, keine Eier, ich durfte keine Milch trinken, auch viele andere Lebensmittel nicht, die für jeden zum alltäglichen Leben gehören.

Glutenfreies Brot mochte ich von Anfang an nicht. Es hat nicht ansatzweise so geschmeckt wie normales Brot. Die Diät einzuhalten war hart.  Immer wenn ich in der Schule jemanden mit einem Nutellabrot sah, war ich neidisch! In meiner Brotdose hatte ich nur Maisbrot mit Schinken oder etwas Ähnliches. Darüber war ich nicht gerade glücklich, aber ich muss mich wohl daran gewöhnt haben, glaube ich, und nach den eineinhalb Jahren ging es mir mit meiner Allergie tatsächlich viel besser. Der Arzt meinte dann, ich solle vorsichtig anfangen wieder Dinge zu essen, auf die ich vorher verzichtet hatte. Das funktionierte auch ganz gut. Zwar habe ich noch manchmal reagiert, aber insgesamt viel schwächer.

Es ging gut bis zum vergangenen Sommer. Da war ich mit meiner Familie in Sri Lanka und hatte dort eine heftige Reaktion. Wieder zu Hause stellte sich beim Allergietest heraus, dass ich gegen alles das allergisch war, was ich schon 10 Jahre zuvor gehabt hatte. Also musste ich wieder eine Diät anfangen.

ECARF: Auf was verzichtest du jetzt?

J: Auf dasselbe wie vorher: Gluten, Weizen, Milch, Eier und vieles andere. Diese Allergene sind in so vielen Grundnahrungsmitteln enthalten, dass es schwer ist sie auszulassen. Manchmal würde ich gerne etwas essen, das ich eigentlich nicht essen darf, wenn mir nach Pizza oder Nudeln ist, aber dann muss ich einfach „Nein“ sagen. Wenn es eine Sache gibt, gegen die ich nicht allergisch sein will, dann ist es Gluten. Ich finde, das ist die am meisten nervende Allergie von allen.

ECARF: Machst du manchmal Ausnahmen bei der Diät?

J: Ja, mache ich. Mein Leben wäre traurig, wenn ich nicht wenigstens hin und wieder bei der Diät schummeln würde. Ich weiß ja genau, wie Schokolade oder Weizenbrot schmecken, und ich vermisse es! Natürlich kann ich nicht zu oft Ausnahmen machen, aber manchmal, wenn ich mit Freunden in Berlin unterwegs bin, gönne ich mir einen Teller Spaghetti oder eine Pizza. Ansonsten ist es für am einfachsten im Restaurant einen Salat zu bestellen. Da kann ich die Dinge einfach rauspicken, die ich nicht essen darf. Zum Glück kann ich das meiste Gemüse essen, ausgenommen Tomaten. Die esse ich trotz meiner Allergie häufig mit. Ich liebe Tomaten.

Auch an Ostern und Weihnachten mogle ich bei meiner Diät. Dann esse ich alles. Natürlich bekomme ich heftige Reaktionen, weil ich jeden Tag etwas esse, gegen das ich allergisch bin, aber es ist Weihnachten oder Ostern und ich will dann normal essen, Kuchen zum Beispiel.

ECARF: Wie unterstützt dich deine Familie?

J: Was mir am wichtigsten ist: Sie essen nichts, gegen das ich allergisch bin. Obwohl mein Vater und meine kleine Schwester keine Glutenunverträglichkeit haben, essen sie trotzdem glutenfreies Brot. Das backt meine Mutter. Sie und mein Bruder vertragen wie ich kein Gluten. Mein Bruder hat überhaupt die meisten Allergien in der Familie. Zwei mehr als ich. Bei uns ist jeder auf Diät, egal welche Allergie er hat.

ECARF: Und wie ist es in der Schule?

J: Im Unterricht bin ich oft erschöpft und müde. Vielleicht, weil ich nicht viel essen kann oder wegen der allergischen Reaktionen. Einmal bin ich im Unterricht eingeschlafen. Dass ich auf eine “allergikerfreundliche Schule” gehe ist für mich wirklich wichtig. Ich freue mich, dass es zu Mittag immer etwas gibt, das ich essen kann.  Meine Diät kann ich problemlos einhalten, und die Menschen kennen sich mit Allergien aus und wissen, was alles damit zusammenhängt. An anderen Schulen redet man einfach nicht über dieses Problem.

ECARF: Deine Empfehlung für eine Party, zu der auch allergische Freunde kommen?

J: Es hängt davon ab, wer einlädt und wie gut derjenige über meine Allergien Bescheid weiß. Ich war zur Geburtstagsparty meiner Freundin eingeladen und sie hatte nur für mich einen Salat gemacht, den ich essen konnte. Dann hat sie mir noch das übrige Essen gezeigt und immer erklärt, was wo enthalten ist. So konnte ich entscheiden, was ich esse wollte und was nicht.

Ich finde es klasse, wenn auf einer Feier auch für Allergiker etwas zu essen dabei ist. Zumindest sollte sich der Gastgeber die Zeit nehmen, Allergikern die verwendeten Zutaten zu nennen.

ECARF: Gibt es noch etwas, das die Leute unbedingt über Allergien wissen sollten?

J: Allergien sind keine Krankheit. Es ist nichts, über das man sich dauernd Sorgen machen sollte. Man muss sich einfach damit abfinden wie mit einer Schwäche. Aber es bringt nichts, seine Zeit mit Jammern zu vergeuden. Es wird sich nichts ändern. Wenn ich wegen meiner Allergien wirklich traurig bin, ziehe ich los und esse das, was ich eigentlich nicht essen soll. Für meine Allergien ist es nicht gut, aber ganz bestimmt für meinen Geist.

Interview: Matthias Colli