29. Juli 2020
Probiotika bei Allergien

Wer einer Allergie vorbeugen will, kann auf gesunde Ernährung setzen. Der Nutzen von Probiotika zur Vorbeugung oder Behandlung einer Allergie steht dagegen bisher auf wackeligen Füßen.

Probiotika (Einzahl: Probiotikum) enthalten Kleinstlebewesen (Mikroorganismen), meist Bakterien. Diese Produkte werden als Nahrungsergänzungsmittel angeboten und Lebensmitteln zugesetzt. Probiotika sollen der Darmgesundheit auf die Sprünge helfen und vor Allergien schützen.

Das Geschäft brummt

Deutsche greifen gerne zu: Probiotika gehören zu den meistverkauften Nahrungsergänzungsmitteln. Allein in Apotheken gingen 2019 fast sechs Millionen Packungen über den Ladentisch. Gegenüber 2018 stieg der mit Darm-Probiotika erzielte Umsatz um elf Millionen Euro auf insgesamt 160 Millionen (Kannamüller 2020). Auch in Drogerien und im Lebensmittelhandel finden probiotische Nahrungsergänzungsmittel reißenden Absatz.

 

Die Wissenschaft teilt die Probiotika-Euphorie im Bezug auf Allergien bisher nicht. „Probiotika sind derzeit Lifestyle-Präparate“, sagt Britta Siegmund, Magen-Darm-Spezialistin an der Berliner Charité (Kuroczik 2019). Ein Grund für die Zurückhaltung liegt darin, dass Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen.

Standardisierte Studien nötig

Aber von vorn: Allergien sind häufig. Fast jedes zehnte Neugeborene entwickelt im Laufe seines Lebens eine oder mehrere Allergien. Gibt es in der Familie bereits AllergikerInnen, liegt das Allergie-Risiko sogar doppelt bis dreimal so hoch (Cuello-Garcia 2016).

 

Aus diesem Grund suchen Forschende intensiv nach vorbeugenden Maßnahmen. Es gibt also durchaus eine Reihe von Studien zu Probiotika und Allergien. Die bisherigen Studienergebnisse haben die medizinischen Fachgesellschaften aber noch nicht überzeugt. Denn: Die Ergebnisse der einzelnen Studien sind schwer vergleichbar. Es wurden unterschiedliche Präparate getestet, deren Beginn und Einnahmedauer waren verschieden und an mancher Studie nahmen so wenige Mütter und/oder Säuglinge teil, dass die dortigen Ergebnisse nicht verallgemeinert werden dürfen.

 

Wie sich Standards einführen ließen, zeigt eine beim Europäischen Allergie-Kongress EAACI 2020 vorgestellte Studie (Bergmann 2020). Sie hat den Einfluss von Probiotika unter genau festgelegten und immer wieder wiederholbaren Bedingungen in der ECARF-Pollenkammer getestet. Das Ergebnis: Eine Verringerung der Allergiesymptome bei Birkenpollen-AllergikerInnen.

Empfehlung der Fachgesellschaften

Medizinische Fachgesellschaften formulieren ihre Empfehlungen sehr vorsichtig, denn man ist sich noch nicht sicher, ob Probiotika wirken. Es gibt durchaus Studien, die den Präparaten einen positiven Effekt bescheinigen (z.B. Lodinová-Zádníková Int Arch Allergy Immunol 2003 und 2010). Andere Untersuchungen fanden trotz Probiotika nicht weniger Allergien (z.B. Wickens 2018).

 

Die aktuelle Empfehlung lautet daher: Schwangere, Stillende oder Säuglinge brauchen nach dem aktuellen Kenntnisstand keine Probiotika (Wang 2019).
Die Welt-Allergie-Organisation (WAO) nennt als Ausnahme Säuglinge, in deren Familien bereits Allergien bekannt sind. Diese Risiko-Kinder könnten von probiotischer Säuglingsnahrung profitieren (Cuello-Garcia 2016).

Das Allergie-Risiko hängt von vielen Faktoren ab

Wer bei Allergie-Vorbeugung nur an Probiotika denkt, vergisst, dass eine Reihe von Faktoren das Auftreten von Allergien begünstigt. Dazu gehören (Aitoro 2017):

 

  • Erbanlagen
  • Kaiserschnitt
  • Häufiger Gebrauch von Desinfektionsmitteln
  • Einsatz von Antibiotika und Säureblockern
  • Übermäßiger Verzehr von fettreicher Nahrung (Junk-Food)

Werden Kinder gestillt und erhalten anschließend eine gesunde Ernährung leistet dies einen wichtigen Beitrag zur Allergie-Vorbeugung. Zur gesunden Ernährung gehören Milchprodukte, Fisch, Ballaststoffen, Obst und Gemüse. Auch fermentierte Lebensmittel wie Sauerkraut oder das koreanische Kimchi, bei dem es sich um sauer eingelegten Chinakohl handelt, halten den Darm gesund.

Blackbox menschliches Mikrobiom

„Alle Krankheiten beginnen im Darm“, dessen war sich Hippokrates schon vor fast 2.000 Jahren sicher. Dass der Satz des berühmtesten Arztes der Antike mehr als ein Fünkchen Wahrheit enthält, sind sich Forschende heute sicher (Lyon 2018). Doch das Wissen darüber, wie Mikroorganismen das Immunsystem beeinflussen, steckt noch in den Kinderschuhen.

 

Auf und im Körper tummeln sich etwa genauso viele Kleinstlebewesen (Mikroorganismen) wie der Mensch Zellen hat. Sie finden sich auf Haut und Schleimhäuten, aber auch in inneren Organen. Im Darm leben die meisten Mikroorganismen. Die Gesamtheit aller Mikroorganismen wird Mikrobiom genannt. Das Mikrobiom spielt eine wichtige Rolle bei der Abwehr von Krankheitserregern. Sind nicht ausreichend Mikroorganismen vorhanden oder stimmt deren Zusammensetzung nicht, kann das krank machen.

 

Das EINE optimale Mikrobiom scheint es nicht zu geben. „Jeder Mensch hat sein eigenes, sehr individuelles, angeborenes und in den ersten Lebensmonaten geprägtes ‚Bakterienmuster‘. Forscher halten es wie den menschlichen Fingerabdruck für schwer veränderbar“, erklärt Angela Sommer von der Wissensredaktion Quarks des Westdeutschen Rundfunks in Köln (Sommer 2019).

 

Das macht es der Wissenschaft schwer, herauszufinden welche Mikroorganismen krank machen und wie man gegensteuern kann. Rosita Aitoro von der Universität Federico II in Neapel und ihr Team sind sich sicher, dass den kurzkettigen Fettsäuren im Darm-Mikrobiom eine entscheidende Rolle zukommt. Diese Stoffwechselprodukte stärken das Immunsystem und verhindern so wahrscheinlich auch Allergien (Aitoro 2017).

 

Das Mikrobiom bleibt ein spannendes Forschungsfeld. Wenn man es besser versteht, könnte das auch die Bewertung von Probiotika verändern. Enthalten die Produkte die richtigen Mikroorganismen in ausreichender Konzentration, könnten sie in der Prävention und Behandlung von Allergien doch überzeugen.

 

 

Zuletzt aktualisiert: 30.06.2020

 

Aitoro R et al. Gut Microbiota as a Target for Preventive and Therapeutic Intervention Against Food Allergy. Nutrients. 2017;9(7):672.

 

 

Cuello-Garcia CA et al. World Allergy Organization-McMaster University Guidelines for Allergic Disease Prevention (GLAD-P): Prebiotics. World Allergy Organ J. 2016;9:10.

 

 

Kannamüller G. OTC-Markt 2019: Trends setzten sich fort. Apotheke + Marketing, Springer Medizinverlag, 11.03.2020.

 

 

Kuroczik J. Ein Contra contra Probiotika. Tagespiegel, Berlin, 04.01.2019.

 

 

Lyon L. ‘All disease begins in the gut’: was Hippocratesright? Brain. 2018;141(3):e20.

 

 

Lodinová-Zádníková R et al. Oral Administration of Probiotic Escherichia coli after Birth Reduces Frequency of Allergies and Repeated Infections Later in Life (after 10 and 20 Years). Int Arch Allergy Immunol. 2003;131(3):209-11.

 

 

Lodinová-Zádníková R et al. Prevention of Allergy in Infants of Allergic Mothers by Probiotic Escherichia Coli. Int Arch Allergy Immunol. 2010;153(2):201-6.

 

 

Wang HAT et al. The Role of Probiotics in Preventing Allergic Disease. Children (Basel). 2019;6(2):24.

 

 

Wickens K et al. Maternal Supplementation Alone With Lactobacillus Rhamnosus HN001 During Pregnancy and Breastfeeding Does Not Reduce Infant Eczema. Pediatr Allergy Immunol. 2018;29(3):296-302.