14. November 2018
Dicke Luft nicht nur durch Diesel

Als Dreckschleudern der Nation werden Dieselfahrzeuge zurzeit oft bezeichnet. Wer einen Diesel fährt, traut sich kaum noch dazu zu stehen. Doch der Diesel ist nur eine von vielen allergieauslösenden Feinstaubquellen.

Keine Frage, Kraftfahrzeuge pusten eine Menge Schadstoffe in die Luft: gefährliche Kohlenmonoxide (CO), Kohlendioxid (CO2), Schwefeldioxid (SO), Stickoxide (NOx) und kleine Staubpartikel (particulate matter, PM).

Größe zählt

Feinstaubpartikel sind in etwa so groß wie Bakterien und mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen. Aber wie gefährlich sind sie? Zunächst einmal entscheidet die Partikelgröße, wie tief ein Schadstoff in unsere Atemwege eindringen kann:

  • PM10 (max. Durchmesser 10 Mikrometer (µm)): Partikel dieser Größe gelangen über die Atemluft in die Lunge. Ein Mikrometer ist ein Millionstel Meter.
  • PM2,5 (max. Durchmesser 2,5 µm): Diese Teilchen sind noch kleiner, können tief in die Lunge eindringen und von dort sogar in die Blutbahn gelangen.
  • PM0,1 (max. Durchmesser 0,1 µm): Ultrafeiner Staub verweilt besonders lange in der Luft. Er kann also von vielen Menschen eingeatmet werden und dringt tief in die Atemwege ein.

Aktuelle Grenzwerte zur Feinstaubbelastung pro Kubikmeter (m³) Außenluft

  Tagesmittelwert Jahresmittelwert
Grenzwerte PM10 PM2,5 PM10 PM2,5
EU 50 µg/m³,

max. 35 x/Jahr darüber

k.A. max. 40 µg/m³ max. 25 µg/m³
WHO 50 µg/m³

max. 3 x/Jahr darüber

25 µg/m³

max. 3 x/Jahr darüber

max. 20 µg/m³ max. 10 µg/m³

k.A. = keine Angaben; PM10 = Partikeldurchmesser max. 10 µm;

PM2,5 = Partikeldurchmesser max. 2,5 µm

Der Jahresbericht der Europäischen Umweltagentur (EEA) zur Luftverschmutzung zeigt, dass 2017 die PM10– und PM2,5-Werte in europäischen Städten rund 19% bzw. 7% über den erlaubten EU-Grenzwerten lagen.
Die EEA listet auch die noch strengeren WHO-Grenzwerte auf. Werden sie zugrunde gelegt, machen Deutschlands Straßen sogar an 53% und 82% der Tage im Jahr krank.

Gesundheitsrisiken

Menschen mit allergischem Asthma haben es schwer, nicht nur in Ballungsgebieten. Feinstaub dringt tief in die Lunge ein. Quälender Reizhusten, Atemnot und Asthmaanfälle sind die Folge.

Eine kanadische Studie (Takaro et al.) hat gezeigt, dass Kleinkinder, die im ersten Lebensjahr hohen Mengen an Luftschadstoffen ausgesetzt sind, in den fünf Jahren danach vermehrt Allergien auf Nahrungsmittel, Tierhaare und Haustaubmilben entwickeln.

Auch bei vielen Lungen- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen verschlechtert Feinstaub die Prognose. Die EEA schätzt, dass in Deutschland rund 60.000 Menschen wegen hoher PM2,5-Exposition früher sterben.
„Die Tatsache, dass Feinstaub zu den größten Risikofaktoren zählt früher zu sterben, ist bekannt“, sagt Joshua Apte von der Texas University in Austin. Der studierte Umwelttechniker hat mit seinem Team aus Daten von 185 Ländern berechnet, welchen Einfluss hohe PM2,5-Emissionen auf die Lebenszeit haben. Das Ergebnis ist ernüchternd: Feinstaub-Belastung verkürzt die Lebenserwartung durchschnittlich um ein Jahr. Hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung heißt das: Durch Feinstaub sterben Menschen früher als durch Brust- (0,14 Jahre) oder Lungenkrebs (0,41 Jahre).

Von einer besseren Luft würden insbesondere ältere Menschen profitieren, sagt Apte: In Asien beispielsweise stiege bei den 60-Jährigen die Chance das 85. Lebensjahr zu erreichen um 15-20 Prozent.

Auch Indoor lauern Gefahren

Wohnung und Arbeitsplatz schützen nicht vor Luftverschmutzung. Gefahren lauern auch in elektrischen Geräten, auf Teppichen, an Wänden oder beim Einsatz von chemischen Putzmitteln, beim Kochen und Braten, am offenen Kaminfeuer oder durch Staubsauger. Die Liste ist quasi unendlich fortführbar. Raumluft enthält fast genauso viele Schadstoffe wie vom Straßenverkehr in die Luft gepustet wird.

Die gesetzliche maximale Arbeitsplatz Konzentration (MAK) für Feinstaub mutet Berufstätigen eine sechsmal höhere Emission zu als in der Außenluft erlaubt ist. Und das, obwohl die zuständige Kommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) den MAK-Wert bereits 2011 um das Fünffache gesenkt hat, von 1.500 auf 300 µg/m³. Die Begründung der Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe lautet: erhöhtes Krebs-Risiko.

Auch Zigaretten sind wahre Feinstaubschleudern. Ein einziger Glimmstängel produziert mit 1.500 µg/m³ mehr als doppelt so viele Feinstaub-Partikel wie ein Diesel-LKW (De Marco et al.).

Weitere alarmierende Zahlen kommen vom Umweltbundesamt: Die Silvesterknallerei zum Jahreswechsel 2016/2017 hat allein Leipzig fast 2.000 µg/m³ Feinstaub beschert. In ganz Deutschland wurde der Tagesgrenzwert für Feinstaub fast an jeder zweiten Messstelle überschritten.

Das Thema Luftschadstoffe ist also allein mit besseren Dieselmotoren nicht vom Tisch. Gesellschaft und Politik können deutlich mehr tun, damit alle gesünder leben.

Weitere Informationen

Zusammenfassung der Apte-Studie

Quellen

European Environment Agency: Air Quality in Europe – 2017 Report.

Apte JS et al. Ambient PM2.5 Reduces Global and Regional Life Expectancy. Environ Sci Technol Lett. 2018;5(9):546-51.

Takaro TK et al. The Canadian Healthy Infant Longitudinal Development (CHILD) birth cohort study: assessment of environmental exposures. J Expo Sci Environ Epidemiol. 2015;25(6):580-92.

De Marco C et al. Particulate matters from diesel heavy duty trucks exhaust versus cigarettes emissions: a new educational antismoking instrument. Multidiscip Respir Med. 2016;11:2.

Zum Jahreswechsel: Wenn die Luft „zum Schneiden“ ist. Umweltbundesamt, Dezember 2017.